Auf dem Board zu stehen ist beim SUP nur eine von mehreren Möglichkeiten. Man kann genauso sitzen, knien oder liegen, und genau daran hängt, warum dieser Sport für Menschen mit Behinderung so gut funktioniert.
Tobias Michelsen ist Kameramann aus Lübeck und einer der Köpfe hinter dem Verein Sail United. Im Interview erklärt er, wie inklusives Paddeln praktisch abläuft, warum blinde Anfänger oft schneller lernen als sehende und was Wassersport für Integration leisten kann.
Zum Einordnen: Das Gespräch stammt aus dem Jahr 2018. Was der Verein heute macht, steht am Ende.
Hey Tobias. Bitte stelle dich meinen Lesern doch zunächst vor.
Hi, ich bin Tobias Michelsen, bin freiberuflicher Kameramann und wohne mit meiner Frau und meinen Kindern in Lübeck.
Wie kamst du denn zum Stand Up Paddling?
Ich habe schon früh im Sommer bei Flaute gepaddelt, einfach um trotzdem Spaß auf dem Wasser zu haben.
Reden wir über euer besonderes Engagement für Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen. Wie kam es eigentlich dazu?
Während meines Studiums in Tallahassee habe ich blinden und sehbehinderten Kommilitonen Ende der Achtzigerjahre Windsurfen, Katamaran-, Jollen- und Dickschiffsegeln beigebracht und dabei bemerkt, dass Blinde alles schneller lernen, da sie ausgeprägtere Wahrnehmungssinne haben und dadurch schneller ein Gefühl für Bewegungsabläufe entwickeln.
Was sind die besonderen Herausforderungen beim inklusiven SUP?
Das Schöne daran ist, dass es keine besonderen Herausforderungen gibt. SUP kann wirklich fast jeder, da es ja völlig egal ist, ob man auf dem SUP steht, sitzt, kniet oder liegt.
Es kommt doch darauf an, dass alle mitmachen können, daran Spaß haben und an den positiven, therapeutischen Auswirkungen partizipieren können.
Wie läuft das konkret ab? Können auch Menschen ohne Gefühl in den Beinen Stand Up Paddeln?
Na klar, die machen das im Sitzen. Für Menschen mit schweren Gehbehinderungen oder Querschnittslähmungen haben wir einen Strandrolli, mit dem wir direkt ins Wasser fahren können.
Aber selbst mit Beinprothese kann man auf hohem Niveau SUP betreiben, Wie das aussieht, zeigt ein Video mit Kathy Rüsbüldt auf der Facebook-Seite des Vereins.
Ihr hört aber nicht bei Menschen mit Behinderungen auf. 2016 habt ihr auch ein Projekt zusammen mit Flüchtlingen organisiert. Wie kam es dazu?
Auch das war immer ein Herzensanliegen von mir, denn auch zu Integrationszwecken bewirkt Wassersport wahre Wunder.
Jeder kennt das, wenn man mit einem Fremden zusammen aufs Wasser geht, sei es bei Kiten, Surfen oder SUP, verbindet das ohne Worte. Wassersport fördert die Teambildung, die Kommunikation und auch die Verantwortungsübernahme.
Es gibt nichts, was besser, schneller und nachhaltiger integriert als Wassersport.
Zeitgleich stellen wir unseren Teilnehmern mit Migrationshintergrund auch verschiedene Berufsbilder in der Wasserwirtschaft und im Wassersporttourismus vor und versuchen auch Ausbildungsplätze zu finden und vermitteln.
Danke für das Interview!
Was aus Sail United geworden ist
Den Verein gibt es weiterhin, er heißt heute Sail United e.V. und ist an der Ostsee in Großenbrode aktiv. Menschen mit und ohne Behinderung paddeln, segeln, kiten und surfen dort gemeinsam, und seit 2024 ist eine Disziplin dazugekommen, die es zum Zeitpunkt des Gesprächs noch gar nicht gab: Wingfoilen im Sitzen. Der Verein hat dafür eigene Sitzlösungen entwickelt, es gibt Schnupperkurse, und inzwischen wird sogar eine Wingfoil-Weltmeisterschaft für Menschen mit Behinderungen ausgeschrieben.
Tobias Michelsen ist weiterhin dabei. Über die Arbeit des Vereins haben unter anderem der NDR und das Yacht-Magazin berichtet, und im vergangenen Jahr war die schleswig-holsteinische Sozialministerin zu Besuch. Aktuelle Termine und Angebote stehen auf sail-united.eu.
Wie inklusives SUP praktisch funktioniert
Sitzen ist keine Notlösung. Im Sitzen oder Knien paddelt man tiefer im Schwerpunkt und damit stabiler. Wer aus dem Sitzen paddelt, braucht ein kürzeres Paddel, sonst zieht man die Schulter hoch. Wie das aussieht, steht in unserem Beitrag zum Sit Down Paddling.
Breite schlägt Länge. Ein Board ab etwa 34 Zoll Breite mit viel Volumen kippt kaum noch und trägt auch einen Sitz oder eine zweite Person. Schmale Touringboards sind hier die falsche Wahl.
Der Weg ins Wasser ist die eigentliche Hürde. Nicht das Paddeln, sondern der Strand entscheidet. Ein Strandrollstuhl mit Ballonreifen, ein flacher Zugang oder ein Steg auf Wasserhöhe machen den Unterschied zwischen möglich und unmöglich.
Der Verein ist der einfachste Einstieg. Material, Helfer und Erfahrung sind dort vorhanden. Vergleichbare inklusive Angebote gibt es bei Wassersport- und Kanuvereinen an vielen Seen und an der Küste, häufig als Schnuppertermin ohne eigene Ausrüstung.
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